APA E-Business Community: “Crowdsourcing bleibt unberechenbar”
Wie können Unternehmen ihre Kunden in Entwicklungs- und Produktionsprozesse einbinden, um von der Weisheit der Massen zu profitieren? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Experten der APA E-Business Community zum Thema am gestrigen Donnerstagabend. Wieso Crowdsourcing enormes wirtschaftliches Potenzial, aber auch große Unberechenbarkeiten in sich birgt, hat www.etailment.at für Sie zusammengefasst.
Der Hype um die Crowd ist beileibe kein Phänomen der digitalen Ära, wie Karl-Heinz Leitner (AIT) in seiner Keynote konstatiert. Bereits im 18. Jahrhundert wurde fleißig gecrowdsourced: als etwa die englische Regierung eine Summe von 20.000 Pfund demjenigen anbot, der es schaffen sollte, den Längengrad zu bestimmen (Ein gewisser John Harrisson löste das Längenproblem im Jahre 1730). „Das Internet hat diese Idee wieder stärker ermöglicht. Eine Community kann Probleme gemeinsam mit Unternehmen lösen“, erklärt Leitner. Von Crowdsourcing sollten alle Teilnehmer profitieren: „Während sich Unternehmen einen wirtschaftlichen Nutzen versprechen, ist die Community vor allem von intrinsischer, aber auch von extrinsischer Motivation getrieben“, meint Leitner. So kommt Crowdsourcing für viele Ebenen der Wertschöpfungskette zum Zug: von der Ideenfindung durch eine kollektive Intelligenz über die gemeinsame Suche nach Problemlösungen bis hin zur Produktentwicklung, zum Design oder zum Marketing. Jeder kann heute – zumindest theoretisch – jederzeit und an jedem Ort innovieren.
Unterschiedliche Formen von Crowdsourcing
Dabei zeichnen sich, beflügelt durch das Social Web, bereits unterschiedliche Formen von Crowdsourcing ab: Da wären zum einen die Plattformen der Intermediären, die zwischen Unternehmen und Kunden vermitteln wollen, wie zum Beispiel innocentive.com. Zum anderen stehen oft seit den frühen Tagen des Internet freie Innovation Communities wie Linux, Firefox oder Wikipedia zur Verfügung, die voll und ganz aus der Crowd schöpfen. Marktplätze für eigene Ideen und selbstentworfene Produkte und Designs liefern Angebote wie threadless oder createmytattoo. Dazu gesellen sich außerdem unternehmenseigenen Plattformen (z.B. Wettbewerbe für Produktideen) sowie öffentliche Initiativen mit Wettbewerben zur Lösung gesellschaftlicher Aufgaben, wie es die Stadt München mit der „save our energy“ Initiative vorzeigte. Das Potenzial von Crowdsourcing liegt für Leitner auf der Hand: „Es ist sowohl nutzbar für innovationsaffine, offene Unternehmen als auch eine Chance beispielsweise für Freelancer.“
Crowdsourcing bleibt unberechenbar
Doch neben Chancen und Potenzial stecken im Crowdsourcing-Programm auch enorme Unberechenbarkeiten. So ist es die oftmals sprunghafte Dynamik der Crowd, die schon so einigen Crowd-Managern ernsthaftes Kopfzerbrechen bereitete. Einer der vielen Streitpunkte sind die Regelungen der Eigentumsrechte sowie deren Kommunikation, erklärt Leitner. Diesen Unberechenbarkeiten entgegnet man demnach am besten mit einer entsprechend professionellen Planung zur Vorbereitung, Durchführung, Auswertung und Umsetzung der Crowdsourcing-Aktion. Unabdingbar sei es, die Crowdsourcing-Methode entsprechend an das Unternehmen anzupassen – hinsichtlich der Produktkomplexität, der Marke, der Kultur, der Strategie. Wie erfolgreich Crowdsourcing-Projekte von Unternehmen heute sind? „Insgesamt sehr positiv. Fünf bis zehn Prozent der Fälle scheitern, über diese Fälle spricht man dann auch nicht besonders gerne“, schätzt Leitner.
“Gute Planung gefragt”
„Kollaboration von heute ist ‚large scale’, geschieht also mit vielen Beteiligten. Das ist neu und kann nur mit technischer Unterstützung funktionieren“, gibt Schahram Dustdar (TU Wien) in der anschließenden Podiumsdiskussion zu bedenken. Paul Lehner (A1) ergänzt: „Eine solche Kampagne benötigt gescheite Mitarbeiter und Zeit. Eine gute Planung ist nötig, damit der Input auch in die Unternehmensprozesse eingespielt werden kann.“ All der Aufwand macht sich letztlich bestimmt bezahlt, versichert Gert Breitfuss von Evolaris: „Von der Ideenfindung bis hin zu Usability-Tests ist ein solcher Ansatz von hohem Nutzen für die Kunden und die Kommunikation mit denselben. So nebenbei geht Crowdsourcing jedoch nicht.“
„Crowdsourcing darf nicht als billige Arbeit missbraucht werden“
Der größte Vorteil der Crowd liegt für Alf Netek (Kapsch) in der Chance der Diversität: „Aus der Crowd ergeben sich neue Blickwinkel außerhalb der Organisation. Die große Chance ist es, andere Meinungen zuzulassen.“ „Attract, assist, affiliate“ nennt Netekt die drei A’s einer gelungenen Crowdsourcing-Kampagne, die so viel bedeuten wie: nimmt man den Kunden ernst, geht man auf seinen Input ein und verwirklicht seine Vorschläge dann auch noch, wird dieser entsprechend seinen Gefallen daran finden und damit selbst zum besten Werber für das Produkt. Laut Dustdar setzt sich eine gelungene Kollaboration aus verschiedenen Elementen zusammen, darunter Koordination, Teamarbeit und Delegation von Arbeit, Einbindung der Innovation in das Unternehmen, eine technische Plattform und offene Standards sowie Rewarding- und Incentive-Strukturen, die automatisierbar und dynamisch sein müssen. Diskutiert werden müsse hingegen noch die arbeitsrechtliche Situation von Crowdsourcing-Kampagnen. „Crowdsourcing darf nicht als billige Arbeit missbraucht werden“, appelliert Dustdar mit abschließender Zustimmung seiner Diskussionskollegen.



