Bain-Studie: Die Zukunft der Wirtschaft ist “digical”
Beinahe alle Unternehmen sind sich über die Auswirkungen der Digitalisierung bewusst, die wenigsten stehen bei der Anpassung ihres Geschäftsmodells jedoch noch ganz am Anfang. Das Beratungsunternehmen Bain hat nun die Chancen und Marktpotenziale einer vernetzten Online- und Offlinewelt untersucht. Der digitale Wandel betrifft vor allem Medien, Technologie und den Handel.
Die Zukunft der Wirtschaft ist nicht digital, sondern “digical”, also eine Mischform aus digital und „physical“. Digitale und physische Geschäftsmodelle wachsen zusammen und zwingen Unternehmen in nahezu allen Branchen in den nächsten zehn Jahren zu weitreichenden Veränderungen. Das prognostiziert eine Studie des Beratungsunternehmens Bain, für die rund 300 Unternehmen analysiert wurden. Demzufolge nutzen erfolgreiche Unternehmen digitale Ansätze, um ihre physischen Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln, und schaffen so eine Basis für ein anhaltend profitables Wachstum in den kommenden Jahren. „Noch hat die Digitalisierung nur wenige Branchen wie die Medien oder die Telekommunikation mit voller Wucht erfasst. Aber in zehn Jahren wird die Welt ganz anders aussehen”, sieht Bain-Deutschlandchef Walter Sinn in die Zukunft.
Dank neuer digitaler Technologien – allem voran dem Trend zum „Internet der Dinge“ – lassen sich Produkte wie z.B. Kühlschränke effizienter bedienen, kontrollieren und warten. Hersteller können damit ihr analoges Angebot verbessern und den Kundennutzen steigern. Die Bain-Studie sieht aber auch eine Öffnung bislang rein digitaler Geschäftsmodelle für die analoge Welt im Kommen: Erste E-Commerce-Anbieter gehen bereits diesen Weg und präsentieren ihr Sortiment in stationären Einkaufsstätten.
Nach Medien, Technologie und Telekom ist der Handel vom “digicalen Wandel” am stärksten betroffen (zum Vergrößern auf die Grafik klicken).
“Digical”: 80 Prozent aller Unternehmen stehen noch ganz am Anfang
Die Studie erläutert den Weg zu „digicalen“ Geschäftsstrategien: Am Anfang stehe die Diagnose der eigenen Branche und Kenntnisse darüber, wie schnell und wie stark es hier zu Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette kommen wird. Selbst in bereits weitgehend digitalisierten Branchen wie der Musikindustrie sind wichtige Teile dieser Kette – beispielsweise das Konzert- und Lizenzgeschäft – weitgehend unverändert geblieben. Der Umbruch hat hier vor allem den Verkauf von Musiktiteln an Endkunden betroffen. Wer die besonders gefährdeten Teile seiner Wertschöpfungskette identifiziert hat, könne eine passende Strategie erarbeiten, meinen die Studienautoren. So gut wie alle Unternehmen sind sich laut Bain-Analyse dieser bevorstehenden Umwälzungen bewusst, fast 80 Prozent stehen bei der Anpassung ihres Geschäftsmodells jedoch noch ganz am Anfang. Typischerweise durchlaufen Unternehmen danach drei Phasen – vom Anfänger bis hin zum Experten – und schaffen es Schritt für Schritt, vom Getriebenen zum Treiber der “Digicalisierung” zu werden.
Wie reagieren Unternehmen am besten auf die Digitalisierung der Wirtschaft? Dieser Frage ging das Beratungsunternehmen Bain in seiner Studie “Leading a Digical Transformation” nach (zum vergrößern auf die Grafik klicken).
Der Kunde entscheidet über den richtigen Zeitpunkt
Eine besondere Herausforderung auf diesem Weg ist die Festlegung der Veränderungsgeschwindigkeit. “Die Unternehmen wollen natürlich rasche Fortschritte erzielen”, erklärt Sinn. “Doch am Ende entscheidet der Kunde über den richtigen Zeitpunkt für den Einsatz neuer Technologien.” Teilweise ist es sinnvoll, Innovationen vorsichtig am Markt einzuführen. So praktiziere es etwa die Automobilindustrie: Innovationsführer wie Audi und Mercedes-Benz hätten Technologien rund um das fahrerlose Auto bereits weit vorangetrieben, doch das Gros der Kunden vertraue aktuell noch mehr auf die eigenen Fahrkünste. Die Integration digitaler Technologien in ein physisches Produkt wie ein Auto verdeutlicht, was der Begriff “digical” im Kern bedeutet: die Verschmelzung zweier Welten. Noch stellt sich nur eine Minderheit der Unternehmen konsequent diesem Paradigmenwechsel. Bain-Deutschlandchef Sinn mahnt indes zur Eile. “Die Zukunft ist ohne Frage digical. Wenn Unternehmen das realisieren und ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln, müssen sie den Wettbewerb der Zukunft nicht scheuen. Jetzt aber gilt es zu handeln und eine umfassende Transformation anzugehen.”



