„Mangel an Bewusstsein über die Vorteile von barrierefreien Webauftritten“
Ab 2016 müssen Webseiten nach der Übergangsfrist für das Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) barrierefrei zugänglich sein. Wie ist der Status Quo in der Barrierefreiheit – in Geschäftslokalen und im Netz? Welche Maßnahmen kann der Handel treffen, um hier weitere Hürden abzubauen? Diese Fragen wurden beim Event frei[handels]zone des Handelsverbandes am 2. Dezember 2015 besprochen.
Durch die Diskussion mit Shadi Abou-Zahra (Leiter des International Program Office der Web Accessibility Initiative (WAI) des W3C), Erwin Buchinger (ehemaliger Sozialminister und jetzige Behindertenanwalt), Gregor Demblin (Social Entrepreneur und Unternehmensberater) sowie Norbert Scheele (C&A Geschäftsführer) führte die Journalistin Claudia Stückler (Manstein Verlag).
Am Podium (v.l.n.r.): Gregor Demblin (Career Moves), Erwin Buchinger (BMASK), Claudia Stückler (Manstein Verlag), Norbert Scheele (C&A) und Shadi Abou-Zahra (W3C). (Foto: Katharina Schiffl)
„Erfreulicherweise werden mit Ende der Übergangsfrist des Behindertengleichstellungsgesetzes nun vielfältige Aktivitäten hinsichtlich der Barrierefreiheit beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen gesetzt“, sieht Buchinger die verstärkte Umsetzung des BGStG in den vergangenen zwei Jahren positiv. Ein Großteil dieser Aktivitäten wird laut Buchinger voraussichtlich in eine größtmögliche Annäherung an die Barrierefreiheit münden und rät: „Nichts zu tun, wird aber in den allermeisten Fällen nicht ausreichen. Es sollte vielmehr das vielfältige Angebot an Beratung- und Unterstützung, das etwa kostenfrei durch die Wirtschaftskammer angeboten wird, genutzt werden, um den eigenen Handlungsbedarf auszuloten.“
„Wirtschaft hat Übergangsfrist verstreichen lassen“
Kritischer äußerte sich Demblin zum Thema, durch einen Badeunfall selbst auf einen Rollstuhl angewiesen: „Die Wirtschaft hat den Großteil der zehnjährigen Übergangsfrist tatenlos verstreichen lassen. Aktuell sehe ich vielleicht zehn Prozent der Unternehmen barrierefrei. In der Diskussion wird leider völlig verabsäumt, auf die riesigen Chancen von Barrierefreiheit hinzuweisen. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind von Einschränkungen und Behinderung betroffen. 40 Prozent, dazu zählen unter anderem ältere Personen, sind im weiteren Sinne beeinträchtigt. Das sind für die Wirtschaft breite Teile ihrer Belegschaften, vor allem aber riesige Kundenschichten.“ Und Demblin sagte weiter: „Gerade für den Handel geht es um riesige Zielgruppen, bei denen sich die Frage stellt, ob sie Geschäfte betreten können, die entsprechenden Waren finden, ob sie Onlineshops bedienen und nutzen können, und ob das Personal die Kompetenz hat, auf besondere Bedürfnisse einzugehen, kurz: ob sie hier einkaufen oder nicht.“
Bewusstsein soll geschaffen werden
Abou-Zahra hat sich als Leiter des International Program Office der Web Accessibility Initiative (WAI) des World Wide Web Consortium (W3C) intensiv mit der Sensibilisierung und Weiterbildung in der barrierefreien Website-Gestaltung beschäftigt. Er sieht noch viel Aufholbedarf in Sachen Barrierefreiheit: „Menschen mit Behinderung werden nach wie vor benachteiligt und von der Teilnahme an grundlegenden Aspekten der Gesellschaft wie Bildung, Arbeit und Kommerz ausgeschlossen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Vor allem mangelt es oft an Bewusstsein über die Vorteile von barrierefreien Webauftritten.“ Abou-Zahra ist davon überzeugt, dass die barrierefreie Gestaltung viele Vorteile, zum Beispiel im Bereich von mobilen Anwendungen, für ältere Webnutzer, und allgemeine Usability für alle Nutzer und potenzielle Kunden bringt: „Erfolgreiche Beispiele der Umsetzung basieren auf einer grundlegenden Veränderung der Einstellung und des Zugangs zum Thema der Barrierefreiheit. Durch objektive Auseinandersetzung mit der Materie, Definition von realistischen und konkreten Zielen, sowie Investition in Ausbildung und Aufklärung wird eine langfristige und nachhaltige Umsetzung ermöglicht. Barrierefreie Webgestaltung gelingt am besten, wenn sie im allgemeinen Arbeitsablauf integriert wird, und nicht als ungeliebtes Stiefkind behandelt wird.“
Kunden arbeiten an Verbesserungen mit
Als Geschäftsführer von C&A in Österreich verantwortet Norbert Scheele mehr als 130 Filialen. Er sieht C&A auf einem guten Weg: „Barrierefreiheit in den Geschäften sollte für jeden Händler ein wichtiger Bestandteil seines Konzeptes sein. Dies beginnt beim Eingang, geht über die Preisauszeichnung sowie Erreichbarkeit der Ware bis hin zu den Kabinen und endet bei den Kassen.“ In baulicher Hinsicht kann es vor allem in alten Gebäuden zu Problemen kommen. Als Händler arbeitet C&A ständig an Verbesserungen, so etwa an gut lesbaren Preisetiketten oder auch die Beschriftung von Liegeware, sodass die Größe des Artikels, ohne diesen in die Hand nehmen zu müssen, sofort erkennbar ist.
Und die Kunden arbeiten laut Scheele selbst an der Verbesserung mit: „Um auf die Bedürfnisse unserer Kunden möglichst rasch eingehen zu können, nutzen wir die uns täglich erreichende Kundenresonanz.“



