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Reisemarkt in Österreich: “Großer Nachholbedarf im Online Segment”

Gepostet in Marketing11 Monate alt • Geschrieben von RedaktionKeine Kommentare

Jeder dritte Reiselustige steht am Beginn der Reiseplanung vor einem großen Problem: er weiß nämlich noch gar nicht, welches Reiseziel er eigentlich ansteuern soll. Diese Ratlosigkeit führt ihn in den meisten Fällen zunächst zu Suchanbietern im Web – doch auch hier gestaltet es sich gar nicht leicht, ein passendes Reiseziel zu finden. Der Grund: Die meisten Suchanbieter ermöglichen nur eine rein text- bzw. attribut-basierte Suche, der Nutzer muss also seine Suchkriterien und Bedürfnisse bereits vor der Suche genau kennen, was wiederum nicht dem realen Suchverhalten entspricht. Um den User in dieser frühen Phase abzuholen, hat das Wiener Startup Pixtri die Software-Lösung PixMeAway entwickelt, ein bild-basiertes Suchportal, das die Emotionen und Wünsche des Nutzers einfangen soll. Und das funktioniert so: Der Nutzer wählt aus aus einer breiten Auswahl von Bildern die für ihn ansprechendsten aus und als Ergebnis empfiehlt die Plattform entsprechende touristische Objekte.

Im April 2014 hat der IT-Dienstleister für die Tourismusbranche TraviAustria das bildbasierte Service in die Reisebürosoftware CETS integriert, um die Technologie direkt zum PoS zu bringen. www.Etailment.at hat mit Rainer Schuster, CEO von Pixtri, und Rudolf Mertl, Geschäftsführer von TraviAustria, über Möglichkeiten digitaler Technologien für die heimische Reisebranche gesprochen.

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“Im Vergleich zu einem klassischen Suchmaschinenvorgang richtet sich Pixmeaway an jene, die ihren Reisewunsch noch nicht verbalisieren können”, erklären Rudolf Mertl, Geschäftsführer TraviAustria (li.) und Rainer Schuster, CEO Pixtri (re.), im www.Etailment.at Interview.

www.Etailment.at: Herr Schuster, mit der bildbasierten Such- und Empfehlungsmaschine von Pixtri kooperieren Sie seit April dieses Jahres mit TraviAustria, also am stationären Point of Sale. Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Rainer Schuster: Das Geschäftsmodell von Pixmeaway und der TraviAustria Kooperation funktioniert im Wesentlichen als Lizenzmodell,  d.h. dass keine transaktionsbezogenen Kosten für das Reisebüro bzw. den Kunden anfallen, wenn er über die bildhafte Suche bucht. PixmeAway funktioniert als Stand Alone Lösung oder kann in eine bestehende Lösung, inklusive angepasstem Corporate Design, integriert werden. Noch intensiver ist unser Service, wenn wir eine Analyse des Kundensegments durchführen und passend dazu ein Bilderset beispielsweise für bestimmte Urlaubssegmente oder Region definieren müssen.

www.Etailment.at: Herr Mertl, mit TravelType und dem Einsatz von Pixtri folgen Sie dem Trend hin zur Digitalisierung des PoS. Welche Erwartungen setzen Sie in diese Entwicklung?

Rudolf Mertl: Wir sind der Meinung, dass beide Welten – sowohl die digitale, als auch die „analoge“ Welt im Reisebüro – immer eine Berechtigung haben werden. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren erkannt, dass der Trend deutlich in Richtung Digitalisierung geht. Mit TravelType und anderen zukunftsorientierten Lösungen möchten wir Reisebüros helfen, auch im stationären Bereich die digitale Welt für die Beratung des Kunden zu nutzen, vor allem aber auch den eigenen Kunden besser kennenzulernen.

www.Etailment.at: Herr Schuster, wie hoch ist die Treffsicherheit von pixmeaway.com? Lässt sich eine solche Treffsicherheit überhaupt feststellen?

Rainer Schuster: Im Vergleich zu einem klassischen Suchmaschinenvorgang richtet sich Pixmeaway an jene, die ihren Reisewunsch noch nicht verbalisieren können. D.h. der Kunde befindet in der Inspirationsphase und trifft bei uns auf ein Recommender System. Dieses liefert Ergebnisse, die zwar breit gestreut sind, jedoch passend zum Reisetyp. Ob unsere Inspirationen für den Kunden Erfolg bedeuten, lässt sich an dieser Stelle schwer werten, allerdings zeigen Untersuchungen, dass die Community mit unseren Vorschlägen sehr zufrieden ist.

www.Etailment.at: Aktuell kommt Ihr Konzept für die Reiseplanung zum Einsatz. Für welche Branchen könnte dieses Konzept noch Sinn machen?

Rainer Schuster: Wir haben uns zuerst für die Tourismusbranche entschieden, zumal eine Reise bzw. Reiseplanung mit vielen Emotionen verknüpft ist und hier ein großer Bedarf im Onlinesegment herrscht. Unser Recommender-System lässt sich natürlich auch auf andere Branchen, wenn es um Inspiration in der Anfangsphase geht, anwenden. Neben der Reiseinspiration bestehen derzeit Prototypen für die Event- und Veranstaltungsbranche, Automobilindustrie und für die Kulinarik, wobei hier der Fokus auf Wein- und Essensempfehlungen liegt. Auf konzeptioneller Ebene gibt es bereits Ideen für die Bereiche Fashion und Lifestyle, für die wir bereits Gespräche mit Experten unterschiedlicher Branchen führen.

www.Etailment.at: Aktuell befindet sich Ihre Lösung pixmeaway.com im Beta-Modus. Was kommt nach, was ist geplant?

Rainer Schuster: So einiges. Derzeit wird an einem Relaunch für den B2C-Bereich gearbeitet, d.h. es folgt ein Redesign der Webseite und zusätzlich wird ein neues und sensationelles Kernfeature vorgestellt, nämlich ein Tool zur Gruppenentscheidung – darauf sind schon viele gespannt. Wir haben alle schon einmal die Erfahrung gemacht, wie schwierig es sein kann, sich innerhalb einer Gruppe – oder auch nur als Paar – auf ein Reiseziel zu einigen, das allen zusagt. Mit dem Gruppenfeature von Pixmeaway wird es in Zukunft einen spielerischen Zugang zu dieser Fragestellung geben und passende Vorschläge, basierend auf den Emotionen aller Beteiligten – dieser Ansatz ist im Bereich eTourismus völlig neuartig und sehr innovativ! Weiters geplant ist ein Feature, das Reisende inspirieren soll, wenn sie bereits unterwegs sind. Dieses “on the trip”-Feature wird mobil oder als App zur Anwendung kommen und gibt, wie immer nach einer Bildauswahl, Vorschläge zu Unternehmungen in der unmittelbaren Nähe, Stadt oder Region.

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“Zeig mir ein Bild und ich zeig dir die Welt.” Unter diesem Motto bietet das Wiener Startup Pixtri eine digitale Lösung für die Reisebranche, die Kunden in den frühen Phasen der Reiseplanung “abholt”. Das Tool kann unter www.pixtri.com im Beta-Modus getestet werden. 

www.Etailment.at: Herr Mertl, unter diesem Eindruck: wie werden sich die Trends in der Reisebranche weiter entwickeln? Wird die klassische Beratung bald durch rein digitale Services ersetzt werden?  

Rudolf Mertl: Dass die klassische Beratung durch die digitalisierte Welt gänzlich ersetzt wird, denke ich eigentlich nicht. Es wird immer Bedarf in beide Richtungen geben – manche Kunden werden den Reisebüro-Service und die individuelle Beratung immer zu schätzen wissen, genauso wird es aber Kunden geben, die ihre Reise lieber im Internet aussuchen und buchen. Aber das eine wird das andere nie vollkommen ersetzen.

www.Etailment.at: Wird E-Commerce in der Reisebranche tendenziell als Bedrohung wahrgenommen oder eher als Chance?

Rudolf Mertl: Ich bin davon überzeugt, dass immer mehr Touristiker E-Commerce als Chance sehen, die genutzt werden sollte. Natürlich fühlen sich einige auch bedroht, aber wir möchten ja unseren Kunden dabei helfen, den Sprung zu E-Commerce Anwendungen zu bewerkstelligen. Deshalb stellen wir ihnen elektronische Produkte zur Verfügung, mit denen sie die Vorteile für sich nutzen können, und zwar ohne ein IT-Experte sein zu müssen.

www.Etailment.at: Herr Schuster, was denken Sie? Welche Möglichkeiten eröffnet das Feld E-Commerce der Reisebranche?

Rainer Schuster: E-Commerce bietet immens viele und notwendige Möglichkeiten, wenn der Fokus wieder richtig gesetzt wird, d.h. in der Reiseplanung bzw. im Angebot wieder mehr zu sehen ist als nur Flug und Zimmer. Der Online-Reisemarkt ist einer der wichtigsten Anwendungsfelder im Internet. Genauer gesagt: etwa zwei Drittel aller Internetnutzer recherchieren und buchen ihre Reisen online. Es gibt keine Anzeichen, dass dieser Trend zurückgehen wird, zumal der Zenit noch lange nicht erreicht ist. Für uns heißt das, dass noch viel Potenzial im Onlinemarkt steckt, zumal es vergleichsweise keine Angebote gibt, die sich an die emotionale, unterbewusste Seite des Kunden richten. Inspiration wird völlig vernachlässigt und gerade dieser Bereich wird immer wichtiger. Seinen Kunden besser zu kennen, heißt auch, ihn besser beraten zu können – und folglich ist er auch zufriedener mit seinem Reiseerlebnis.

www.Etailment.at: Wie online-fit schätzen Sie in dieser Hinsicht die österreichische Reisebranche ein?

Rainer Schuster: Das klingt jetzt hart, aber in Österreich besteht in vielen Bereichen großer Nachholbedarf im Online Segment. Es herrscht der negative Trend, dass sich der Reisemarkt immer mehr auf große internationale Buchungsportale konzentriert, die dadurch wiederum finanziell stärker gemacht werden und somit eine ganz andere Marketingmaschinerie betreiben können. Wie viele andere Märkte läuft auch Österreich Gefahr, sich von diesen großen Buchungsportalen abhängig zu machen, mit der Konsequenz, dass Leistungsträger, wie z.B. Hotels, mit zu hohen Kommissionszahlungen konfrontiert sind.
Daher gilt es einen Ausweg aus dieser Abhängigkeitsspirale zu finden. Ein möglicher Ansatz ist es, über den Tellerrand zu blicken und den Fokus weiter zu setzten als nur auf den Buchungsvorgang von Zimmer und Flug. Eine Reise sollte wieder mehr als Gesamterlebnis und nicht als Einzelprodukt gesehen werden. Dieses Erlebnis beinhaltet mehrere Phasen im “tourist life cycle” – beginnend mit der Inspiration, dem Erlebnis an sich bis hin zur “Nachbetreuung”, indem das Ergebnis z.B. Auf Social Media Plattformen geteilt oder empfohlen wird. Wenn wir es schaffen, alle diese Phasen – und nicht nur die Buchung – wieder ins Auge zu fassen und zu vereinen, dann wird Österreich wieder auf viel Potential stoßen.

www.Etailment.at: Wie werden sich die Trends in der Reisebranche weiter entwickeln? Wird die klassische Beratung bald durch rein digitale und algorithmenbasierte Services ersetzt werden?

Rainer Schuster: Hoffentlich nicht! Eine klassische – menschliche – Beratung kann und soll nie durch eine Maschine oder Computerprogramm ersetzt werden. Wie in anderen Bereichen substituiert die Informatik kein Expertenwissen sondern soll unterstützend wirken. Vor allem, wenn es um ausgefallene Kundenwünsche geht ist der direkte Kontakt und menschliches Wissen unumgänglich. Aber was ist, wenn der Kunde seinen Wunsch noch nicht formulieren oder eine Gruppe nach passenden Vorschlägen sucht? In diesen Fällen befinden wir uns in der Inspirationsphase und genau dafür haben wir Pixmeaway ins Leben gerufen.

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